Null. Literatur im Netz. Herausgegeben von Jana Hensel und Thomas Hettche.
Taschenbuch, 406 Seiten
DUMONT Literatur und Kunst Verlag, Köln 2000
ISBN 3770153081
EUR 24,80.
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Die Online-Version






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Vorwort des Herausgebers

Entstanden als Milleniums-Anthologie, endet NULL zusammen mit diesem Jahr wie ein Versprechen, welches die Zeit einlöst. Zwischen Konzeption und Finale entwickelte dieser Ort im Netz seine eigene Atmosphäre und Dynamik, die hier dokumentiert wird wie im Katalog einer Ausstellung. Denn seit dem 31.12. 1999 ist www.dumontverlag.de/null ein Museum, das man besichtigen kann, und die Texte, die eben noch das Spielgeld einer Gemeinschaft auf Zeit bildeten, sind von einem Tag auf den anderen allesamt zu Exponaten geworden. Und frisch versteinert erscheint diese Gemeinschaft nun schon wie das missing link zu einer vergangenen Phase der tech-nologischen Revolution, in der wir leben. Schien doch die Idee einer Internet-Anthologie mit einer vorab bestimmten Gruppe von Autoren vor einem Jahr noch durchaus gewagt. Schließlich gab es wenig Literatur bekannterer deutschsprachiger Autoren im Netz, und in den Feuilletons zögerte man noch, das Medium überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Ob sich eine Öffentlichkeit für dieses Projekt fände und Autoren, die Interesse am WWW hatten, war auch im DuMont Buchverlag durchaus umstritten.
Flaschenpost oder Adventskalender des letzten Jahrtausendjahres sollte NULL sein, schrieb ich im Herbst 1988 an die Autoren in meiner Einladung, die zumeist noch per Post zugestellt werden mußte. Um so mehr überraschte es mich, wie viele sich gerade über den Anlaß freuten, online gehen zu können. Dezember 1998. Eine Optik für die Website. Nur nichts Animiertes. Wehe, wenn es nach Snowboarder riecht. Mas-siv soll es sein und nicht verspielt. Schnell. Das finale "L" dreht sich vor meinen Augen auf den Kopf. NULL eine Insel im Netz - so könnte man das ausdrücken. Danach ist man immer klüger. Den Satzspiegel errechnen und durchprogrammieren. Die Sternenkarte. Eine unauffällige Einrandung, die nicht lauter sein will als auch nur ein einziger Buchstabe von Helmut Krausser oder Dagmar Leupold, notierte Harald Taglinger, der für die Konzeption und Programmierung verantwortlich war und NULL als Supervisor begleitete.
Das "Original" liegt heute in einem Ordner auf einer meiner Festplatten. Ich sollte ihm einen Rohling antun und eine CD davon brennen. Für ein Museum, das kei-nen interessiert. Damals aber, nachdem die Programmierung fertig war, die Website darauf wartete, live gestellt zu werden, und auch die Pressemitteilungen verschickt waren, stand uns in jenem sehr langen Moment, in dem nichts geschah, der Sinn gar nicht nach Museum. Bis kurz vor Weihnachten der erste Text Burkhard Spinnens ein-traf.

Von: Thomas Hettche
Datum: Die, 22. Dez 1998 17:57 Uhr

Lieber Burkhard,
Dank für den schönen Text! Und frohe Feste. Nur eines erklär mir doch bitte noch bis zum 28. Nämlich wie Du das "einschliefen" in Deinem Text meinst: "...anbrechende 3. Jahrtausend will einschliefen sehen als angetan mit dem Ornamentum einer Geburt im Jahre der dreifachen 0." Gruß T.

Von: Burkhard Spinnen
Datum: Don, 24. Dez 1998 0:48 Uhr

Lieber Thomas,
EINSCHLIEFEN: das gibt es. Es stammt aus der Jägersprache und meint im speziellen das Eindringen kleiner Jagdhunde in unterirdische Bauten mittel-großer Räuber, also etwa das Eindringen eines Teckels (Dachshund oder Dackel) in einen Dachsbau. Es ist ein altes Wort, auch für mich, der ich es wohl im Alter von ca. 8 in meinen Vorbereitungsbüchern las. Den Büchern, die mich auf Besitz und Aufzucht eines Dackels vorbereiten sollten. (Was ein ander' Thema wär'.) Ich hab's immer gemocht, das Wocht. Und später auch gut verstanden, daß ein "Schlieferl" (österr.) ein Schmeichler sei ( also einer, der dackelgleich in was Enges hineinschlüpft).
Wenn Du glaubst, daß es keiner versteht, setz' halt was neutrales hin. Oder was anderes mit fieser Tendenz. Hast mein Permesso grande.
Und hast, nein habt meine Besten Wünsche Zum Fest.
Meine: Spinnens!
Von: Jana Hensel
Datum: Don, 24. Dez 1998 12:05 Uhr

thomas,
wenn es das ganze jahr so lehrreich weitergeht, ersparen wir uns ja jeden volkshochschulkurs! wunderbar, so lassen wir das wort einschliefen und legen darauf einen link zur mail von spinnen, und zum nächsten fest wünsche ich mir endlich mal ein dackelaufzugsbuch - it's time frohe tage
jana

Jana Hensel, Herausgeberin der Literaturzeitschrift EDIT, hatte sich bereit erklärt, mit mir gemeinsam die Redaktion von NULL zu übernehmen, was hieß, die Texte, die per Mail ankamen, zu redigieren und in die HTML-Formulare einzusetzen, Links anzubringen und Formatierungen, den Index zu aktualisieren und die Sternenkarte" – das Inhaltsverzeichnis von NULL – immer wieder durch neue Sterne und Sternbilder zu ergänzen. Außerdem war abgesprochen, daß manche Beiträger nicht online sein wür-den. So mußten Ulrich Holbeins Texte, die er per Post auf Diskette in einem sehr ob-skuren Dateiformat schickte, konvertiert und die Collagen von Urs Richle genauso ge-scannt werden wie die per Fax ankommenden Text-Graphiken Andreas Neumeisters, Jan Peter Bremers Postkarten und Johannes Jansens handschriftliche Texte. Die ferti-gen Seiten wurden dann an DuMont gemailt, wo der Webmaster Christian Schnieders – Ich konnte mir immer vorstellen, wie Jana Zigarette rauchend am anderen Ende der Leitung saß und versuchte, einen Weg durch das Chaos NULL zu bahnen – sie in die Seite einstellte.

Von: Helmut Krausser
Datum: Fre, 1. Jan 1999 11:39 Uhr

Frohsneusjahr, lieber Thomas.
Gibst Du mir nochmal die Adresse unsrer Internet- wie sagt man? - Literatur-Convention? Habe heute noch nichts gefunden.
Beste Grüße und Wünsche
Helmut Krausser


Kraussers Mail war die erste, die sich am 1.1. nach NULL erkundigte. Mit ihr begann neben der redaktionellen Arbeit an den Texten eine Erprobungsphase, in der alle Beteiligten lernten, mit diesem Ort im Netz und den Formen der Vernetzung, die er erforderte, umzugehen. Was sich im Zeitraffer der E-Mails beispielsweise so liest:

Von: Jana Hensel
Datum: Son, 10. Jan 1999 15:48 Uhr


hallo,
aus der traum, die computerkiste will nicht so, wie ich will, so war mein ganz persönliches interneterlebnis von kurzer dauer, bis auf weiteres also die alte adresse benutzen, ich gebe dann wieder so euphorisch meldung
p.s. was macht man, wenn einen sein eigenes modem nicht versteht???
jana

Von: Christian Schnieders
Datum: Die, 19. Jan 1999 13:22 Uhr

Hallo Herr Hettche,
es ist in einigen Mails die Frage nach einer Vergrößerung der Namen auf der Karte aufgekommen. Jetzt hat auch die Verlagleitung, nachdem sie die Seiten gesehen hat, gesagt, "das muß geändert werden". Ist es möglich, die Namen größer zu schreiben? Das wäre wesentlich benutzerfreundlicher!!!

Grüße nach Frankfurt

Von: Harald Taglinger
Datum: Mit, 20. Jan 1999 12:21 Uhr


Thhhhooooooooooooommmmaaaaaaaaas
zum letzten Mal:
Ich kann PICs nicht lesen. JPG oder GIF, sonst nehm ich Dir Dein Telefon weg.

Von: Katharina Hacker
Datum: Mit, 20. Jan 1999 19:25 Uhr

Lieber Thomas Hettche, verzeihen Sie die Komplikationen. Es ist einfach lausig schwer, in den Text Liebesleute, die keineswegs zusammenpassen", das Wort Leihbibliotheksbücher einzuschmuggeln. Habe aber einen zweiten Versuch unternommen (Die Wörter wieder mit ++ markiert.) Da ich Word nicht benutze, versuche ich eine andere Version. Haben Sie mir etwas in der binären Datei geschickt? Die zu öffnen, bin ich nämlich auch nicht in der Lage. Sorry. Ich fürchte, ich weiß nicht so sehr viel mehr, als wo oben und wo unten ist beim Computer. Das aber immerhin. Hier als Versuch ! und 2. Und Grüße, Kh.


Von: Harald Taglinger
Datum: Don, 4. Feb 1999 13:57 Uhr

_____Hallo,
wer um Himmels Willen hat denn den Zähler auf der Startseite von NULL veranlasst? Bitte SOFORT entfernen, das ist ja ultrapeinlich. Sind wir denn eine private Homepage?

Von: Jana Hensel
Datum: Fre, 26. Feb 1999 9:58 Uhr


so männer,
ich war heut schon fleißig, punkt neun stand ich vor meinem computerhändler und hab speicher gekauft, der beteuerte die ganze zeit sowas ja noch nie erlebt zu haben. warum sind im index.htm" die umlaute verlorengegangen, ist das normal? so, jetzt krempel ich die ärmel hoch und bau meinen speicher ein, vielleicht er-kundigt sich ja mal jemand nach meinem wohlbefinden, später. ciao
j.


Von: Harald Taglinger
Datum: Mon, 1. Mär 1999 9:10 Uhr

HI,
willkommen im Speicherland...
Jana: Es gibt keine Umlaute in index.htm", weil es dort auch keine Wörter gibt...meinst Du ein anderes File?


Von: Terézia Mora
Datum: Don, 4. Mär 1999 18:58 Uhr


Wo sind Sie?
Ich schicke jetzt mal meinen inzwischen fertigen Text an Jana Hensel. Vielleicht bekomme ich von da Antwort. Oder bin ich durch ein Loch gefallen und befinde mich inzwischen in einem völlig anderem Raum-Zeit-Gefüge und man kann mich gar nicht mehr hören? Haaaaaallllooooo!

Unter der Hand wurde so die Arbeit auf ungewohnte Weise öffentlich, der Mail-Ordner zur Protokoll-Datei des Jahres und die monatlichen Editoriale in NULL zu meinem öffentlichen Tagebuch. Ab März für einige Monate in Krakau, erschienen darin meine allfälligen Schwierigkeiten, von dort aus NULL zu betreuen, ebenso wie Text-Kommentare und Reflexionen zum medialen Echo auf die Anthologie. Während die HAMBURGER MORGENPOST, eher verwundert darüber, daß im WWW nicht plötzlich alles anders war, gleich im Januar feststellte: Wir merken: Krausser bleibt Krausser und die BASLER ZEITUNG die Anthologie als eine Erfahrung der intimeren Art charakterisierte, befand die BADISCHE ZEITUNg wenig später, es bestehe die Aussicht, daß NULL die Netzliteratur endlich aus ihren Windeln bringt, und die ABENDZEITUNG sichtete das bis-lang ambitionierteste Projet im Internet und FOCUS gar ein Mammutprojekt der Netz-Literatur.
Eine unserer Vorgaben war, daß für ein Internet-Projekt Aufmerksamkeit au-ßerhalb des Netzes gefunden werden muß, so lange es im WWW keine institutionali-sierten Vermittler gibt, die Öffentlichkeit herstellen. Die große Resonanz auf NULL über das ganze Jahr hinweg war daher nicht nur für den Verlag wichtig, sondern verhalf der Anthologie auch im Durchschnitt zu monatlich über zweitausend Lesern. Wobei die Verschiebung der Rezeption auf interessante Weise die grundsätzliche Veränderung der Perspektive auf Netz-Literatur spiegelt. Die geläufige Annahme, Literatur im WWW werde die technischen Möglichkeiten medialen Crossovers erproben und nichtlineare Gesamtkunstwerke aus Bildern, Texten und Tönen entstehen lassen, übersah, was Leander Scholz bei einer Veranstaltung zu NULL so formierte: Unsere Synapsen sind die besseren Hyperlinks. Literatur setzt im Kopf jedes Lesers sowieso all das in Gang, was man meinte, der Technik gutschreiben zu müssen. Insofern verwundert es nicht, daß die meisten Autoren in und für NULL dasselbe taten wie stets: Erzählen.
Wenn NULL sich bei Veranstaltungen wie der Leipziger Buchmesse oder zu ei-ner Klausurtagung der NULL-Autoren im Münchner Literaturhaus, im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg oder im Rahmen der Tagung Tunnel über der Spree" im Literari-schen Colloquium Berlin vorstellten, war genau diese vorgebliche Konventionalität zu-nächst Ansatzpunkt von Kritik. Doch verlor die Fama von der experimentellen Netz-Literatur, die möglichst multimedial und interaktiv zu sein habe, zunehmend an Be-deutung. Harald Taglinger notierte in Leipzig: Die Einsicht, daß es einer Online-Avantgarde nicht bedarf. Das ist die eigentliche Zukunftsmusik. Zukunft im Web ist so lapidar wie elektrisch Licht. Angeknipste Glühbirnen. Ungeheuer. NULL ist die Abkehr vom Glauben an das Internet. So wie es keinen Glauben an Cassettenrekorder gibt. DIE WELT war es schließlich, die als Qualität von NULL ausmachte, was zunächst gänzlich netzunspezifisch erschienen war: Gerade die Vorsicht oder Skepsis, mit der Null solchen Experimenten (...) begegnet, macht das Projekt allerdings interessant. Denn es dürfte wahrscheinlich sein, daß die Produktion von Online-Literatur wesentlich subtileren Einflüssen unterliegt als reine Formalien vermuten lassen. Das Internet erzeugt neue Formen von Öffentlichkeit und simultaner Teilhabe am globalen Weltgeschehen, die fast zwangsläufig in eine veränderte Ästhetik münden werden. Symptom für die entsprechende Veränderung war in NULL folgende Mail Thomas Meineckes:

Von:Thomas Meinecke
Datum: Son, 21. Mär 1999 20:49 Uhr:

Hallo Jana, hallo Thomas,
dies hier ist kein Kunstwerk, sondern ein Brieflein an Euch. Der Text von neulich dagegen sollte schon so ins NULL.

Daß wir Meineckes Text nicht als literarischen Beitrag zu NULL gelesen hatten, zeigt genau an, auf welche Weise sich die Aufmerksamkeit für Texte im Netz unbemerkt verschoben hatte. Und diese Veränderung wurde schnell registriert. Noch vor kurzem, schrieb der FREITAG, gruselten sich alle vor den virtuellen Welten. Heute regiert statt ideologiekritischer Bedenkenträgerei euphorisches Netzgeschnatter das worldwideweb. Die schnelle und direkte Teilhabe am Leben des lebenden Autors wurde zum medialen Ereignis: Zugang zu seinem Schreibtisch haben nun auch die Leser, schrieb etwa der SPIEGEL. Sie nehmen Einblick in sein Arbeiten, in sein Leben. Nie zuvor waren sie so dicht am Dichter wie heute. Und die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG inter-essierte sich in NULL natürlich ganz besonders für jene Notizen, in denen Helmut Krausser bekennt, er würde gern mal Dagmar Leupold küssen. Kein Zufall – wenn auch eine Verwechslung –, daß PETRA fand, NULL sei in seinen besten Momenten eine Art literarische Talkshow. Zwar fanden die Talkshows andernorts im Netz statt, doch öffneten sich auch viele der Autoren in NULL den neuen Formen literarischer Öffentlichkeit.
Anlaß war auch dafür der Beginn des Bombardements im Kosovo. Plötzlich stand NULL im Zeichen einer heftigen Debatte über den Krieg. Wie die Zeitlupenauf-nahme einer Explosion breitete sich das gleichnamige Sternbild Woche für Woche weiter aus. Initiiert und mit der Sprengkraft sehr direkten Austausches versehen von Helmut Krausser und Thomas Meinecke, zeigte gerade diese Diskussion, wie in NULL ein Geflecht literarischer Texte von Brigitte Oleschinski, Joachim Helfer oder Julia Franck die direkte politische Konfrontation kommentierte und ästhetisch einsponn, während zugleich in der Newsgroup der NULL-Autoren heftig gestritten wurde:

Joachim Helfer aus Hamburg am 9.6.99: Liebe Julia Franck, (...) das Heldentum der Autoren ist immer Maulheldentum - Auch Deines. Die Frage ist, für oder ge-gen was man/frau das Maul aufreißt. In Deinem Fall sind es "die Soldaten über dem Balkan", also die NATO-Piloten, und das Heulen der Kriegssirenen, also die Vorwarnung bei Luftangriffen. Nicht Anlaß Deines Maulheldentums sind hingegen die Soldaten auf dem Balkan und das Heulen der Kinder, die dabei zusehen mußten, wie ihre Mütter vergewaltigt, ihre Väter hingerichtet, ihre Häu-ser niedergebrannt wurden.

Julia Franck aus Berlin am 11.6.99: Lieber Joachim, (...) ich werde nicht den Fleiß beweisen, Deine Sätze zu demontieren, da sie ganz offensichtlich wenig mit meinen Beiträgen zu tun haben und ich gegen das Denken in Polaritäten (Mann - Frau gehört dazu) nicht nur ausdrücklich, sondern auch absichtlich po-lemisiere.

Thomas Hettche aus Frankfurt/Main am 12.6.99: Rukedigu-Blut ist im Schuh. (...) Gespenstisch, wie sich in NULL die Polarisierung en miniature wiederholte mit allen Ritualen der Gegnerschaft, wie wir sie in diesem Krieg auch verfolgen konnten. Darauf bezieht sich meiner Lektüre nach der Text Julia Francks und zwar für mich auf eine hochinteressante Weise.

Joachim Helfer aus Hamburg am 13.6.99: Lieber Thomas. (...) Wenn du meinen Beitrag genau gelesen hast, wird dir aufgefallen sein, daß sich meine scharfe Kritik an Julias Text (...) gerade nicht an ihrem behaupteten Versuch entzündet, eine Position außerhalb der Polarisierung zu beziehen. Ich hielte einen solchen Versuch im Angesicht des Völkermords zwar für absurd, sogar für verwerflich, aber ich könnte sachlicher damit umgehen. Was mich wütend machte und macht, ist, daß sie in der Geste der Überparteilichkeit Partei ergreift: Denn sonst würde sie ja eben nicht ausschließlich von den Soldaten ÜBER dem Balkan und dem Heulen der Luftkriegssirenen geschrieben haben, sondern vielleicht eine Silbe über die Soldaten auf dem Balkan und das Heulen ihrer Opfer verloren haben.

Steffen Kopetzky aus Baden-Baden am 16.6.99: Zum Ganzen eine Bemerkung. NICHT NUR ZU JOACHIM GESPROCHEN. "Die Händel an den Grenzen werden unlösbar, weil die Grenzen ihren Sinn verloren haben." (Ernst Jünger in "Minima Maxima) (...) Eure Debatte ist (oder war) sinnlos, weil euer 'Thema' eine Fiktion ist. Fiktionen sind Setzungen - Von außen, von oben. (...) Ich betrachte es nicht als meine Aufgabe (als Schriftsteller), irgendetwas zu klären, sondern die Sachen komplizierter zu machen - weil sie in der Tat kompliziert sind, viel komplizierter, als man es ohnedies sagen kann. (...) Alles rast ins Präsens. Alle wollen von allen irgendeine Antwort zu allem, Hauptsache schnell, möglichst schneller als die anderen. (...) Wer schreibt den ersten Roman über die Deutsche Einheit? Lewinsky, den Kosovo?

Julia Franck aus Berlin am 21.6.99: (...) Übrigens behandelte mein Beitrag den Krieg bewußt am Rande, als ein aktuelles Ereignis, das mein Thema Sirenen, Odysseus und das Schweigen berührt. (...) Ich spreche bei den Helden eben nicht ausschließlich von Autoren, von "euch" und von "Männern". Ich spreche von Helden, von denjenigen, die im Krieg eine Gelegenheit wittern, von "wir Sklaven" gleichermaßen wie von "wir Helden" und auch von den Sirenen. Daß deren Schweigen ebenso bösartig sein kann, wie die Abenteuerlust der Helden.

Leander Scholz aus Bonn am 1.8.99: (...) Andererseits finde ich die Debatte ueber die Debatte deswegen so wichtig, weil man auch mal der Frage nachge-hen muss, was es bedeutet zu polarisieren, was ja seit dem "Ende der Ideologi-en" ziemlich unkorrekt ist. Polarisieren ist ja so etwas wie eine absichtliche Un-gerechtigkeit und kann auch deshalb sehr fruchtbar sein. Es ist eine Wut, ein Zorn, die man den anderen zumutet. Und da wuerde ich Joachim gerne recht geben, dass ja neben diesem Zorn, der sich natuerlich selbst ermaechtig, auch ganz nuechtern und ohne Aufregung argumentiert wurde. (...) Die Frage ist doch, wie man Polarisierungen Mann/Frau, Freund/Feind, Vernunft/Gefuehl, Held/Schweigen so einsetzt, dass sie fruchtbar werden. Ohne solche leitenden Unterscheidung ist es ja sehr schwer, einer Debatte gemeinsame Aufmerksam-keit zu schenken. Vielleicht gehts auch anders, wie das Helene Cixous ja ver-sucht hat...

Mirko Bonné aus Hamburg am 5.8.99: Der Schlaf des Monsters. Ein lesens-wertes Interview zum Thema mit dem jugoslawisch-französischen Zeichner und Filmer Enki Bilal findet sich unter: www.comic.de/_spotlight.html.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt entwickelte NULL die Dynamik einer schnell getakteten Zeitschrift, die das Problem aller Anthologien, stets Text neben Text zu be-erdigen, dadurch umging, daß die Beiträger selbst immer – und vielleicht sogar vor allem – auch Leser waren, wie es Dagmar Leupold einmal formulierte. Zwar beeinflußten die Geschichten einander nicht so direkt, wie ich es mir vorgestellt hatte, Motive wurden nur selten aufgenommen und weitergesponnen, gleichwohl aber entstand doch ein Textgespinst, das sich nun mit einem Mal als hochkomplexes Dokument und Portrait der jüngeren deutschsprachigen Literatur dieses Jahres entpuppt. Folgt man dem STERN, so zeigen die Beiträge zu NULL außer ihrer Individualität auch, was Internet-Literatur so einzigartig macht: Miteinander verbunden, verweisen die einzelnen Texte aufeinander, geben dem Leser Gelegenheit, von Gedanken zu Gedanken zu springen, laden zur Abschweifung ein. Und die FAZ resümierte: Als Veröffentlichungsort etablierter Autoren ist NULL die große Ausnahme im Netz. Die »Sternennacht«, schrieb Christian Schnieders einmal, habe ihn bei NULL am meisten beeindruckt. Und tatsächlich gibt die Vielfalt der Sternbilder, mit denen der Himmel sich immer mehr füllte, nicht nur das genannte Textgespinst wider, sondern ebenso die wechselnden ästhetischen Alliancen der Autoren in dem Spiel, das NULL auch war. Während nur Alban Nikolai Herbst und Zoë Jenny ihre Mitarbeit bald wieder einstellten, kamen im Laufe des Jahres immer wieder neue Mitspieler, wie zuletzt noch Aris Fioretis, hinzu. Und in der Vielfalt der Stimmen ist NULL schließlich auch Ausdruck einer Auseinandersetzung mit dem neuen Medium geworden. Nur vollzieht sich die Veränderung der literarischen Formen in ihm naturgemäß sehr viel langsamer, als die Apologeten der Netzes dies annahmen, und weit unterhalb thematischer Reizschwellen. Man kann beobachten, daß die Texte in NULL im Laufe der Zeit kürzer wurden und etwas seltsam Anfangloses bekamen. Autoren, die sonst kaum etwas Unredigiertes aus der Hand geben würden, ließen sich sichtlich auf die Verführung zur Privatheit ein, die der Bildschirm und die flüchtigen Buchstaben im glimmenden Licht noch immer darstellen. Ohne daß die Ergebnisse dabei unfertig in einem herkömmlichen Sinne wären, sind sie doch oftmals weitmaschiger, flexibler, reaktionsfähiger. Und sollte man darüber spekulieren, was solche Veränderungen in Duktus und Form bedeuten, ließe sich vielleicht sagen, daß Literatur längst beginnt, die liquide Aura eines Mediums für sich zu nutzen, das keine auratische Gestalt mehr zuläßt.
November 1999. Eine Autofahrt durch Frankfurt mit Thomas. Die Frage, wie sich NULL abschließt. Nicken, als ich die technischen Wörter benutze. Ein berechtigter Einwurf aus Gründen der Interface Usability. Das Netz ist angekommen. Ich lehne mich zurück und schaue mir die rechte Fahrspur an, notiert Harald Taglinger nach dem letzten unserer unzähligen Gespräche über NULL. Ich weiß noch nicht, ob ich mich und mein eigenes Schreiben aus diesem Netz werde wieder befreien müssen, daß mich in diesem Jahr scheinbar fest in veränderten ästhetischen Koordinaten verzurrt hat. Literatur, das weiß ich nun und dafür danke ich allen Autoren von NULL, wird sich nicht an Geplapper verschenken. Aber für allzu große Anhänglichkeit an tradierte For-men ist andererseits die Neugier der Literatur sicherlich viel zu groß. Und ihr Vertrauen in die Magie der Wörter.


Von: Stefan Beuse
Datum: Fre, 17. Dez 1999 13:01 Uhr


Lieber Thomas, hier kommt noch ein letzter Text. Eine wahre Geschichte.
Hat Spaß gemacht, und ich freu mich auf das NULL-Buch.
Alles Gute für Dich,
Stefan Beuse.


Und während noch die letzten Beiträge eintreffen und Jana Hensel schon be-ginnt, aus dem verzweigten Tableau der über zweihundertfünfzig HTML-Dokumente und GIFs den linearen Text dieses Buches zusammenzusetzen, das bis auf vier Aus-nahmen, in denen Autoren einen Beitrag für den Druck zurückzogen oder an Bildvorla-gen nicht mehr zu gelangen war, alles enthält, was im Netz erschien und damit mög-lichst viel von dem Gespinst, das NULL ausmachte. Und während ich schreibe, daß ich zu Beginn nicht habe glauben können, daß es einmal vorüber sein würde, vollendet sich tatsächlich eine Vergangenheit.
Thomas Hettche
Im Dezember 1999

 

 

Eberhard Falcke: Die Nuller-Konjunktur (Frankfurter Rundschau, 6.5. 2000)
Hans-Peter Kunisch: Nullspiele (Süddeutsche Zeitung, 6.7. 2000)